Eine Meisterschaft, die keinen 2. Sieger verdient hat

v.l.n.r.: Jeffrey Paulus, Jonas Gallasch, Luca Suvorov, Rafael Sabirov, Laurin Perkampus, Borna Mohammadi Nia, Robin Gallasch, Alex Suvorov

Porzer U20 wird Deutscher Vizemeister bei der DVM in Münster. Es berichtet Teamcaptain Jeffrey Paulus

Vom 26.-30.12.2022 fanden in der Jugendherberge Münster die DVM in den Altersklassen U20 und U20w statt. Wie im Vorjahr, bestand unser eingespieltes Team aus Alexander und Luca Suvorov, Jonas und Robin Gallasch, Laurin Perkampus, Borna Mohammadi Nia und Rafael Sabirov.

Nach dem dramatisch verpassten Titel und 2. Platz in 2020 (Thema Abiball und freigelassenes Brett in Runde 6) sowie der schwachen Form im Sommer bei der nachgeholten DVM 2021, wo es trotzdem noch zu Platz 3 reichte, wollte das Team sich endlich mit dem Deutschen Meistertitel belohnen. Ein Blick auf die Setzliste machte jedoch klar, dass hier eine besondere Leistung erforderlich sein würde

SetzlistenplatzVereinLandØ DWZ
1 Hamburger SK von 1830 eV Hamburg 2260
2 Schachgemeinschaft Porz e. V. Nordrhein-Westfalen 2185
3 Schachfreunde Brackel 1930 e. V. Nordrhein-Westfalen 2095
4 SK Lehrte von 1919 e. V. Niedersachsen 2088
5 Schachgesellschaft Bochum 1931 Nordrhein-Westfalen 2056

Mit einem DWZ-Schnitt von 2185 war das Porzer Team so stark wie noch nie und setzte sich von der schärfsten Konkurrenz aus Lehrte sowie unseren alten NRW-Bekannten aus Brackel und Bochum recht klar ab, aber an der Spitze thronte unser alter sportliche Rivale, der Hamburger SK, mit einem Teamschnitt von noch nie da gewesenen 2260, ein letztes Mal angeführt von GM Luis Engel, der in seinem letzten Jugendjahr mit seinem Team ebenfalls erneut den Titel gewinnen wollte. Die Ausgangslage war damit klar – sämtliche unter uns gesetzten Mannschaften kontrollieren und den im Turnierverlauf unvermeidlichen Showdown gegen den HSK siegreich gestalten.

Zu Beginn des Turniers waren wir jedoch nur zu sechst. Laurin hatte sich kurz vor Weihnachten eine kräftige Erkältung eingefangen und war erst zum zweiten Turniertag wieder fit und reiste verspätet an. Der Anfang des Turniers wurde für uns zu einer kleinen inoffiziellen NRW-Meisterschaft – in den ersten drei Runden spielten wir gegen Hemer, Bochum und Brackel. Während wir gegen Hemer wie üblich leichte Startschwierigkeiten in der Meisterschaft hatten (der 4:2-Sieg war trotz der zeitnotbedingten Niederlage von Luca jedoch nie in Gefahr), wurde gegen Bochum ernst gemacht. Der 5,5:0,5-Sieg war auch in der Höhe nicht schmeichelhaft, lediglich unser Neuzugang Christian Gluma konnte in seinem letzten Turnier für die SG Bochum eine Punkteteilung gegen Borna erringen. Hamburg gewann parallel in den ersten beiden Runden mit identischen Ergebnissen gegen die Vereine aus Münster und Leipzig, sodass sich schon früh ein sehr enges Rennen abzeichnete.

Am zweiten Turniertag bescherte uns die Auslosung dann die SF Brackel, gegen die wir schon unzählige Male die Klingen gekreuzt haben und im Vorjahr recht klar verloren hatten. Diesmal waren wir jedoch auf die üblichen psychologischen Spielchen einzelner Brackeler Spieler vorbereitet und hatten den größeren Vorrat an Arizona-Eistee mitgebracht 😉. Wie so oft war jedoch auch dieses „Derby“ wieder nicht vorhersagbar und komplett offen und zwischenzeitlich sah es nicht gut für uns aus. Während Robin unspektakulär remisierte und sich bei Alex leichte Stellungsvorteile im Königsindischen Angriff abzeichneten, standen Borna und vor allem Rafael klar schlechter. Bornas Gegner fand jedoch nicht die gewinnbringende Abwicklung, wonach die Stellung in der Remisbreite blieb, während Rafaels Gegner noch mehrere Einladungen zum Gewinn in komplexer Stellung ausschlug und den kiebitzenden Brackeler Betreuer allmählich in den Wahnsinn trieb. In der Zeitnotphase konnte Alex seine Vorteile zum Gewinn verdichten und Rafael die Partie sogar noch komplett drehen. Allerdings zeigte Luca erneut erhebliche Mängel in der Zeiteinteilung und musste schon seine zweite Niederlage quittieren. So stand es 3-2 und es lief nur noch die Partie von Jonas gegen Nikolay Kartsev, in der beide Spieler in einer hochtaktischen Stellung noch 10 Züge auf Inkrement bis zur Zeitkontrolle schaffen mussten. Jonas griff hier fehl, doch im 39. Zug ließ Kartsev Jonas mit einem ungenauen Damenzug in ein Dauerschach entwischen, das den etwas glücklichen Mannschaftsieg mit 3,5:2,5 besiegelte. Hamburg gewann parallel und nur in der Höhe mit etwas Fortune mit 4,5:1,5 gegen die starken Lehrter und ging somit gegenüber uns um „ein Tor“ in Führung.

Somit war alles am Nachmittag für den großen und erwarten Showdown gegen den HSK angerichtet, welcher nach meinem Kenntnisstand der stärkste U20-Mannschaftskampf in der Geschichte der DSJ war – und er erfüllte für Außenstehende die hohen Erwartungen. Wir spielten in Topbesetzung, der HSK rotierte an Brett 6 seinen Jugendwart Michael Kotyk ins Team. Nach rund zwei Stunden sah der Kampf jedoch sehr düster für uns aus. Borna fand keinen vernünftigen Plan gegen den weißen Aufbau gegen seinen Grünfeld-Inder und wurde in einer ziemlich einseitigen Partie recht zügig zusammengeschoben. Laurin fand sich auch in einer Stellung wieder, die ihm positionelles langes Leiden in Aussicht stellte und Robins Gegner fand einen starken Konter auf einen Bauerngewinn auf a7. Das Team wollte sich aber nicht wehrlos geschlagen geben und fuhr zur Höchstform auf. Robin holte nach einem ungenauen Figurentausch seines Gegners zum Gegenkonter aus und erzielte den Ausgleich zum 1-1. Luca legte sich seinen Gegner langsam zurecht und gewann bei beginnender Zeitnot entscheidendes Material, leider musste Laurin jedoch irgendwann die Segel streichen, sodass es in der Zeitnotphase 2-2 stand. Somit spielten noch Alex und Jonas. Alex spielte mit Schwarz eine brilliante Partie gegen Luis Engel, bei der er stets die Kontrolle behielt und mit einem starken positionellen Qualitätsopfer eine schwer zu knackende Blockadestellung aufbaute. Allerdings lag ein Rückopfer der Qualität jederzeit in der Luft und Alex musste die Stellung mit großer Präzision behandeln, doch irgendwann gab Luis seine Manövrierversuche auf und bot die Punkteteilung an. Jonas Partie war erneut der Decider. In der Zeitnotphase wogte die dynamische Stellung hin und her, Jonas verpasste eine Gelegenheit, klaren Vorteil zu erringen und verlor mit einem ungenauen Turmzug in Zug 40 ein wichtiges Tempo, das einen gegnerischen a-Freibauern zu einem gewinnträchtigen Pfund erwachsen ließ. In weiterhin hochkomplizierter Stellung lief die Restbedenkzeit von beiden Spielern erneut auf Sekunden herab und nachdem der Hamburger Henning Holinka an einer Stelle nur den zweitbesten Zug spielte, konnte Jonas sich konsolidieren und den a-Freibauern ohne Figurenverlust eliminieren. Kurz darauf hatten beide Spieler nur noch je einen Turm und einen Läufer und keine Bauern mehr auf dem Brett – der nachfolgende Handshake nach diesem „Spektakel“ machte das 3-3 Unentschieden im Spitzenkampf amtlich. Insgesamt ein leistungsgerechtes Ergebnis, auch wenn Hamburg sicherlich mehr Chancen auf den Siegtreffer vergab.

Die Entscheidung über die Meisterschaft war somit vertagt und es war uns klar, dass es nun auf Brettpunkte ankommen wird und wir die letzten drei Kämpfe möglichst hoch gewinnen mussten. Runde 5 loste uns die SG Leipzig zu, während der HSK das bisherige Überraschungsteam aus Barnim (Eberswalde) als Gegner bekam. Auf dem Papier etwas ungünstiger für uns, aber da wir nach etwas komischem Kampfverlauf einen 5:1-Sieg (Alex verliert nach Gewinnstellung ausgangs der Eröffnung, sehr ungewöhnlich) verbuchen können, und Hamburg lediglich ein 4,5:1,5 erzielt, sind wir nach Runde 5 nur noch einen halben Brettpunkt hinter dem HSK im „Torverhältnis“. Runde 6 brachte uns dann mit dem SK Lehrte den letzten ganz harten Gegner, während Hamburg gegen das Team aus Berlin-Kreuzberg die Klingen kreuzte. Unser Kampf sieht insgesamt recht kontrolliert aus, bis Robin das einzige Mal im Turnier fehlgreift und in einer Variante den zweiten vor dem ersten Zug ausführt und damit eine Qualität und die Partie einstellt. Plötzlich erlangen die schwierigen Stellungen von Alex und Jonas damit eine erhebliche Relevanz, doch Alex kann sein Endspiel mit Minusbauer halten und Jonas eine uneinnehmbare Festung mit Turm und Springer gegen die gegnerische Dame aufbauen, sodass wir dank Siegen von Luca und Rafael sowie eines Remis von Laurin auch Lehrte mit 3,5-2,5 distanzieren konnten. Leider hat der HSK am Nebentisch seine Hausaufgaben vorzüglich erledigt und einen 5,5:0,5-Sieg gegen Kreuzberg zementiert, sodass die Lücke vor der letzten Runde 2,5 Brettpunkte betrug.

Ab hier begann dann das große Rechnen, denn als erste Feinwertung gilt seit ein paar Jahren bei den DVMs die sog. Olympiade-Sonneborn-Berger-Wertung, bei der die Mannschaftspunkte der Gegner mit dem eigenen Brettpunktergebnis gegen die Mannschaft multipliziert werden. Vereinfacht gesagt – wenn Mannschaften, gegen die man selber hoch gewonnen hat, im weiteren Turnierverlauf gewinnen, ist das vorteilhafter als wenn man gegen die Mannschaft nur knapp gewonnen hat.

Die für den Titelkampf relevanten Paarungen der letzten Runde lauteten wie folgt:

HSK (11) – Brackel (8)
Porz (11) – Kreuzberg (7)
Lehrte (7) – Barnim (7)
Bochum (6) – Hemer (6)
Leipzig (6) – Ergolding (6)
Münster (4) – Biebertal (1)

Aus diesem Grund waren wir beispielsweise in der Letztrundenpaarung Bochum – Hemer an Tisch 4 großer Fan des Bochumer Teams, da wir Bochum mit 5,5-0,5 und Hemer nur mit 4-2 geschlagen haben. Bei einem Sieg von Bochum würden wir somit 5,5×2 (MP für Bochum) = 11 SoBo erhalten, wogegen ein Hemeraner Sieg nur 4×2 = 8 SoBo bringen würde. An Tisch 3 war ein Sieg von Lehrte zu erwarten – so würde der HSK aufgrund des eigenen Ergebnisses zwar 2 SoBo mehr einfahren als wir, aber immer noch besser, als wenn nur der HSK 9 SoBo durch einen Sieg von Barnim kriegt und wir gar nichts. Münster war der große Letztrundenjoker des HSK, hier waren +8 SoBo für den HSK sehr wahrscheinlich, da Münster gegen die mit Abstand schwächste Mannschaft des Turniers spielte. Die Paarung Leipzig – Ergolding machte aufgrund der hohen Siege von uns und des HSK zwar nur 1 SoBo Unterschied pro HSK bei einem Leipziger Sieg, aber die Kalkulationen zeigten, dass dieser entscheidend werden könnte.

Die Ausgangslage war jedoch klar – wir durften gegen Kreuzberg keine Gefangenen machen, zwei Brettpunkte auf den HSK aufholen und der HSK hatte mit Brackel den unangenehmeren Gegner und tat sich in der Vergangenheit traditionell auch eher schwer gegen unseren NRW-Rivalen. Die Aufgabe war riesig, aber nicht hoffnungslos.

Nach zwei Stunden in der letzten Runde zeichneten sich sowohl bei uns als auch beim HSK deutliche Siege ab. Unser Team lieferte. Schnell fiel das 1-0 und noch vor der Zeitkontrolle erhöhten wir den Druck immer weiter. 2-0, 3-0, 4-0, 5-0, 5,5-0,5 nach nur rund drei Stunden. An den anderen Tischen läuft auch alles wie erwartet oder zumindest gewünscht. Lehrte gewinnt gegen Barnim, Bochum gewinnt gegen Hemer, Ergolding führt 3-2, Münster gewinnt gegen Biebertal. Der HSK registrierte das und fing an einzelnen Brettern an zu wackeln. Es steht sehr lange nur 1-0 für den HSK und in der Zeitnotphase kann immer viel passieren. Aber dieses erfahrene und abgezockte Hamburger Team umschifft die Klippen und führt nach der Zeitkontrolle 3,5-1,5 und hat in der letzten laufenden Partie zwei Mehrbauern im Mehrfigurenendspiel. Ergolding macht das 3,5 gegen Leipzig fest und damit steht fest, Hamburg braucht noch ein Remis, bei einer Niederlage sind wir um einen Wimpernschlag vorne. Brett 2 von HSK-Brackel ist die letzte laufende Partie der Meisterschaft, Doch der Hamburger Spieler stellt nichts mehr ein, patzt nicht mehr grob, fällt auch nicht vom Stuhl oder hat ein klingelndes Handy und konvertiert die Gewinnstellung zum Sieg. Am Ende ist es tatsächlich in der Sonneborn-Berger-Wertung ungefähr ein Brettpunkt Differenz, der knapp den Ausschlag für Hamburg ausmacht. Ein Wimpernschlag, und ein Blick auf die Endtabelle zeigt, dass diese Meisterschaft eigentlich zwei Sieger verdient gehabt hätte, so deutlich wie die Konkurrenz distanziert, ja deklassiert wurde. Aber der HSK hat sich sportlich durchgesetzt und dazu gratulieren wir herzlich!

Tabelle:

Pl.TeamØ DWZLandGUVMPSoBoBP
1Hamburger SK von 1830 eV2260Hamburg61013242½31½
2Schachgemeinschaft Porz e. V.2185Nordrhein-Westfalen6101323530
3SK Lehrte von 1919 e. V.2088Niedersachsen4129198½25
4Schachfreunde Brackel 1930 e. V.2095Nordrhein-Westfalen403817022½
5Schachgesellschaft Bochum 19312056Nordrhein-Westfalen3228131½20

Einzelergebnisse:

Nr.NameTit.Geb.DWZElo1234567Σ
1Alexander SuvorovFM200323412345½11½0½1
2Luca SuvorovFM20032268229901011115
3Jonas Gallasch200522342282½1½½1½15
4Laurin Perkampus200321512168 01½1
5Borna Mohammadi Nia2003209521391½½0½
6Robin Gallasch20032018203511½110
7Rafael Sabirov2005201019911111116
Brettpunkte43530
Mannschaftspunkte2221
22213

Es war eine Meisterschaft der Rekorde. Unser Team ist der beste „Nichtmeister“ in der noch auffindbaren Historie der DVMs. 13-1 Mannschaftspunkte haben bisher immer für den Titel gereicht, nur diesmal nicht. 30 Brettpunkte aus 42 Partien und nur 6 Verlustpartien haben auch erst einmal nicht für den Titel gereicht (2018, Aufbau Elbe Magdeburg, die damals mit 12-2 gegenüber unserem Team den Kürzeren zogen). Das Team hat alles gegeben und war im Gegensatz zur letzten DVM auch nahezu in Topform, dies zeigt sich auch darin, dass fast alle Spieler sogar mit DWZ-Plus aus der Meisterschaft herausgegangen sind. Besonders hervorzuheben sind außerdem die 6/6 von Rafael Sabirov am 6. Brett, eine außergewöhnliche Leistung. Beeindruckend war für mich auch die gewachsene Reife von Jonas am 3. Brett, der in mehreren Kämpfen in kritischen Situationen die letzte laufende Partie hatte und immer das noch benötigte Ergebnis für das Team absichern konnte.

Ich bin stolz auf die Jungs und dieser 2. Platz fühlt sich im Gegensatz zu anderen verpassten Meisterschaften der vergangenen Jahre auch nicht schlecht an. Nächstes Jahr haben wir mit dem Team noch einmal die Chance, uns zu krönen und das ist auch das klare Ziel. Die Konkurrenz wird nicht schlafen, aber zumindest beim HSK scheiden einige Spieler altersbedingt aus, sodass wir voraussichtlich als Favorit in die DVM 2023 gehen werden.

Turnierseite der DVM U20 bei der Deutschen Schachjugend

Fotogalerie:

Spitzenkampf gegen den Hamburger SK"
Spitzenkampf gegen den Hamburger SK
Mannschaftsfoto U20"
Mannschaftsfoto U20
Scroll to top